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...unter diesem Motto stand der diesjährige Berlin-Marathon, der nun schon zum 44. Mal statt fand. Und diesmal wieder mit uns.

Im letzten Jahr mussten wir leider verletzungsbedingt passen, bekamen aber aufgrund unserer rechtzeitigen Abmeldung einen garantierten Startplatz für 2017. Im gleichen Atemzug buchten wir auch gleich unsere Unterkunft und so war Ende September letzten Jahres schon alles geplant und erledigt. 363 days to go...

Meine Vorbereitung begann stark und ließ auch stark nach oder um es anders auszudrücken... Welche Vorbereitung?! Man muss nicht drumrum reden, es gab schlichtweg kein Marathontraining. Aber ich war immer in Bewegung. Bin immer gelaufen, geradelt und hab fleißig Stabitraining gemacht. Und das allerwichtigste: ich war (und bin es auch heute noch) gesund und beschwerdefrei. Und ich weiß, wie Marathon geht. Ich hab das schon mal gemacht. Das wird kein Spaziergang, mein Respekt war riesengroß, aber ich hab das schon mal gemacht und ich kann das. Und mein Kopf wollte das. Also, was soll schon passieren?!

Wir reisten in diesem Jahr ganz entspannt per Bahn und bereits am Freitag an. Unser Gepäck brachten wir ins Hotel und spazierten anschließend ganz gemütlich zur Marathonmesse, um unsere Startunterlagen abzuholen. Schon auf dem Weg dorthin - überall Läufer, überall Armbänder und blaue Beutel. Berlin schien am Freitag schon eindeutig in Läuferhand. Die Absperrgitter standen schon gebündelt am Straßenrand und die blaue Linie war schon überall zu sehen.

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Wie wir fanden, war die Startnummernausgabe gut organisiert und wir verließen die Messe deutlich gekennzeichnet nach kurzer Zeit wieder und machten uns auf den Weg zurück ins Hotel.

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Nach dem Frühstück am Samstagmorgen besuchten wir den Tränenpalast und anschließend Madame Tussauds am Pariser Platz. Den Nachmittag verbrachten wir im Start- und Zielbereich des Marathons, denn am Nachmittag fanden sowohl der Schülerlauf als auch der Inlineskate-Marathon statt. Bis es soweit war, entdeckten wir im Zielbereich die #beatberlin - Wall auf der alle der über 43000 gemeldeten Läufer verewigt waren.

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Und dann standen wir einmal mittendrauf - auf der schönsten Zielgeraden der Welt...

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Und als wir noch auf den Start der Skater warteten, wurde es auf einmal laut im Zielbereich, da der erste Läufer des Schülerlaufs ins Ziel lief. Der erste von 10.000 über die 4,2km lange Strecke. Kurz darauf war die Ziel gerade voller Kinder, die glücklich und erschöpft ankamen. Und der Strom riss einfach nicht ab. Die Zuschauer machten ordentlich Lärm und feuerten einfach jeden an. Kurz nachdem der letzte Läufer im Ziel war, kündigte sich auch schon der Sieger der Skater an und schoß mit über 50 km/h an uns vorbei über die Zielgerade ins Ziel. Nur einen Wimpernschlag später folgte ihm Platz 2 bevor das erste große Hauptfeld im Massensprint vorbeizog. Ein Wahnsinn, was die da noch raushauen.

Das mit der Stimmung aufsaugen hat wunderbar funktioniert und wir verließen bald darauf das Gelände und begaben uns wieder ins Hotel und legten unsere Sachen für den nächsten Tag bereit.

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Nachts schlief ich schlecht. Außerdem regnete es. Als um 5Uhr die Nacht endgültig vorbei war, hatte es immerhin aufgehört zu regnen. Aber ich war müde, draußen war es ungemütlich und dunkel und eigentlich wollte ich gern im Bett bleiben. Durfte ich nicht und so saßen wir kurz nach 6Uhr beim Frühstück. Und wir waren nicht allein. Natürlich nicht.

Gegen halb 8 machten wir uns auf den Weg zum Start- und Zielgelände. Für uns Läufer standen im Foyer des Hotels noch Bananen, Müsliriegel und Wasserflaschen sowie die besten Wünsche für den kommenden Marathon bereit. Fand ich richtig gut und das haben wir natürlich auch gern angenommen.

Vor der Tür herrschte Herbst. Irgendwo zwischen Nebel und Sprühregen und Einheitsgrau. Immerhin kein Dauerregen. Positiv denken. Der Weg zum Start glich einem Sternenmarsch - aus jeder Straße kamen die Läufer herbeigeströmt und alle hatten nur ein Ziel. Verlaufen war schier nicht  möglich, wenn man einfach nur hinterherlief.

Auf dem Startgelände gaben wir auch gleich unsere Sachen ab und gingen in den Startblock. Denn während am Eingang und bei den Gepäckzelten unendliche Schlagen vor den Dixies standen, waren die am Startblock praktisch alle frei und sogar noch sauber. Wir hatten noch viel Zeit zum Beobachten, teilten uns noch eine Banane und bejubelten um 9:15Uhr den Start der Elite, von dem wir außer den aufsteigenden Luftballons eher wenig mitbekamen.

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Und irgendwann, viel viel später, war es 10Uhr und der Startschuß für den letzten Block erfolgte. Jetzt gings also los.

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Pullover aus und zur Seite geworfen (die werden eingesammelt und gespendet), Uhr abgedrückt und los geht die Reise durch Berlin. Zum zweiten Mal.

Anfangs liefen wir noch zusammen in einer großen Gruppe rund um die 5h-Pacer. Die beiden waren große Klasse, denn es gab jede Menge Musik, Gesang und Spaß. Mein Wohlfühltempo war allerdings minimal schneller und so lief ich peu à peu auf den dritten, weiter vorn gestarteten, 5h Pacer auf und zwischenzeitlich auch an ihm vorbei. Gemütliches Dahingetrabe, aber die Kilometer flogen trotzdem schnell vorbei. Irgendwo auf Kilometer 8 verlor ich dann den Mann aus den Augen und lief allein weiter.

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Ich fühlte mich gut und war entspannt, nahm ab Kilometer 9 alle Verpflegungsstationen mit, die im Abstand von 2,5-3km kamen. Gute 20min locker laufen und dann kurz gehen und dabei trinken und später auch mal ein Stück Banane essen. Passt so. Ich hab diesmal eher auf feste Nahrung gesetzt, da mir die Gels 2015 schon arg auf den Magen geschlagen sind. Das erwies sich am Ende auch als goldrichtig.

Mein Tempo konnte ich leider nicht ganz halten und kurz vor der Halbmarathonmarke überholte mich die große 5h-Gruppe und zog langsam aber stetig davon. Nach 2:33h kam ich an KM21 bzw am HM durch und war damit wieder einmal schneller als zum OEM-HM im April.

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Prima, die Hälfte hätten wir also schonmal. Jetzt ist es nicht mehr weit. Da es einfach so unfassbar viel zu sehen gab, "flogen" die Kilometer nach wie vor an mir vorbei. Allerdings meldeten sich nach 25km so langsam die Beine und fingen an verhalten zu motzen. Das merkte ich vor allem beim Anlaufen, was mir jedesmal schwerer fiel und auch sicher so aussah. Wenn ich dann aber erstmal wieder drin war, lief ich auch wieder rund. Später meckerte noch das Knie und ich überlegte, ob ich mir einen der Fahrrad-Docs schnappe und um Eisspray bitte, die immer wieder im Pulk mitfuhren und kleine Wehwehchen schnell versorgten. Aber kaum hatte ich das zu Ende gedacht, war von denen keiner mehr zu sehen. Na gut, dann eben ohne Eis weiter.

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KM 30 erreichte ich nach 3:45h. Dem Kopf ging es ganz wunderbar. Der war frisch und hatte noch richtig Bock auf Marathon, von daher wurde das Maulen der Beine einfach ausgeblendet. Außerdem sah ich mich bereits völllig erledigt, aber mit Medaille auf der Wiese vorm Reichstag liegen. Und überhaupt kam Aufgeben überhaupt niemals nicht in Frage. Schon gar nicht nach 30km. Dafür ging es mir doch viel zu gut und ich hatte viel zu sehr Lust drauf. Und das die Muskeln müde werden, ist ja nur normal. Also lauf ich halt einfach weiter.

Nach etwa 36km muss ich dann allerdings den lange hinausgezögerten Boxenstopp einlegen. Den wollte ich gern vermeiden, aus Angst, nicht mehr hochzukommen mit den Oberschenkeln, aber was muss, dass muss eben. Überraschenderweise fühlte ich mich hinterher deutlich besser, auch muskulär und lief einfach locker weiter. Und dann kam auch schon mein gedanklicher Schlußpunkt. KM38, der Potsdamer Platz. Ab hier ist es praktisch nur noch ein Katzensprung. Nur noch 4km. Das Ding bring ich jetzt nach Hause, selbst wenn ich auf allen vieren kriechen muss. Der Besenwagen war noch so weit weg, das hätte ich sogar geschafft.

Eine nicht enden wollende Gerade später, eine Linkskurve und just die Zeitmatte am Kilometerpunkt 40. 5:04h. Natürlich, eine neue Bestzeit wird das hier heute nun nicht, wenn ich die restlichen 2 km nicht in 8min laufe, aber in Anbetracht meiner Vorbereitung und verglichen mit meiner Zeit aus 2015 (5:13:38h), bei der ich ja durchaus trainiert hatte, wird das hier jetzt nicht soooo schlecht.

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Und wie man sieht, war ich nicht alleine. Schon kam der Gendarmenmarkt in Hör- und kurz darauf auch in Sichtweite. Wieder tolle Stimmung und noch einmal gepusht. Danach kurz verschnaufen. Durchatmen fürs Finale.

Eine letzte Rechtskurve und es ging direkt auf die Straße Unter den Linden zu. So viele Menschen, so viel Lärm, so viel Begeisterung... Und ich mal wieder völlig überfordert mittendrin. Aber ich musste nur laufen. Das kann ich, das mach ich hier schon seit über 5h, die paar Minuten schaffe ich das jetzt auch noch. Natürlich!

Eine letzte Linkskurve später und ich sah weiter vorn, hinter den Baumkronen die Quadriga des Brandenburger Tors. Naja nein, eigentlich sah ich sie nicht. Das war da schon alles arg verschwommen und das Wasser stand in den Augen und ich emotional hoch 10. Aber ich wusste, dass sie da ist. Wenn sich die Straße zum Pariser Platz weitet und man da mitten drüber läuft ist das schon etwas mit Suchtpotential. Das ist auch nichts, was man irgendwie beschreiben könnte, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

Rein ins Brandenburger Tor und auf der anderen Seite wieder hinaus und die letzten 400m waren dann einfach nur noch zum Genießen. Denn auch nach über 6h (absoluter Laufzeit) waren da immer noch so viele Menschen, die einen anfeuerten und auch mit Namen ansprachen, das ist großartig. Dauergrinsen ins Gesicht gemeißelt.

Der Zielbogen. Die Zeitmatten. Uhr abdrücken. Vorbei. Das wars. Projekt Marathon 2.0 erfolgreich beendet. Und obwohl die Beine wirklich müde waren, hatte der Kopf noch immer Bock auf Marathon. Verrückt. Weiterlaufen. Mir wurde eine Medaille umgehängt. Weiterlaufen. Ich bekam meine Kälteschutzfolie. Weiterlaufen. Da gibt es die Versorgungstüten. Noch weiter laufen. Jemand drückte mir ein Erdinger in die Hand. Ich glaube ich habe alles und mache mich auf die Suche nach meinem Mann. Wir wollten uns am Gepäckzelt treffen. Ich finde es nicht. Das sieht aus der Richtung alle so anders aus. Ich irre völlig planlos auf dem Gelände umher und kopiere dabei in unnachahmlicher Perfektion den Laufstil aus The Walking Dead.

Oh guck, da ist ja mein Gepäckzelt. Und dort sitzt auch der Mann im Gras. Wie? Kein Aufspringen? Keine Umarmung? So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt! Ich lasse mich also neben ihn fallen. Das ist nur noch fallen, kontrolliert geht das mit den matschigen Beinen nicht mehr. Ein Finisher-Selfie. Nicht schön, aber glücklich.

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Marathon mal wieder. 42,195km zum zweiten Mal. Für uns beide. Dass wir es aufgrund des minimalistischen Trainings nicht schaffen würden, stand überhaupt nie zur Debatte. Dafür wollten wir das beide zu sehr. Und auch wenn wir jetzt nicht die Spezialisten sind, haben wir beide doch schon einen Marathon ins Ziel gebracht und wussten daher, was auf uns zukommt. Und es war großartig. Es war einfach nur toll. Die Beine hinüber, aber der Kopf im Freudentaumel. Der Schmerz vergeht, aber diese Erfahrung und das Erlebnis Marathon kann uns keiner mehr nehmen.

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...und auf dem Heimweg schien dann auch die Sonne...